Alte neue Russen – Leseprobe aus: “Die russische Frage”

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Alte „neue Russen“

Gesellschaft in RusslandDer Begriff „neue Russen“ ist uns heute genauso geläufig wie die Vokabeln „Reform“, „Krise“ und „Default“. Doch im Großen und Ganzen verstehen wir immer noch nicht, welchen Sinn die lexikalische Neuprägung birgt.

Anfang der Neunzigerjahre waren neue Russen ein Inbegriff für skrupellose Geschäftemacher und Kriminelle, die es binnen kurzer Zeit zu großem Reichtum bringen konnten. Bordeauxfarbene Sakkos, goldene Siegelringe, fingerdicke Goldketten am Handgelenk und gepanzerte Luxuslimousinen waren ihre obligatorischen Attribute.

Im Laufe der Zeit hat sich wenig an dieser Vorstellung geändert. Beim Wort „neuer Russe“ denken die meisten immer noch an gerissene Gauner, die sich auf fremde Kosten bereichern.

Dieser Menschentyp war sozusagen eine Kreatur unseres neuen Wirtschaftsmarktes, die neuen Russen hatten ihren besonderen Slang, sie kleideten sich nach ihrer eigenen Modevorstellung und hatten ihre eigene Moral. Sie wurden zu einem sozialen Markenzeichen, davon sprechen eindeutig zahlreiche Neurussenwitze, die anstelle der herkömmlichen Witze über die Parteinomenklatura kamen.

Blickt man aber in die russische Literaturgeschichte zurück, so kann man neue Russen schon bei Tschechow kennenlernen. In seinem „Kirschgarten“ schildert der Schriftsteller mit sehr viel Humor und Sarkasmus den typisch russischen Kaufmann Lopachin, ungehobelt, steinreich und arrogant. Aber nach und nach tauchte dieser Heldentyp immer seltener auf der sozialen Bühne auf, bis er dann endgültig verschwand.

So auch heute. Die Typen mit ihren bordeauxfarbenen Sakkos und Panzergoldketten haben sich allmählich im Nebel der Umgestaltung aufgelöst, die einen sind mit ihrem Diebesgut ins Ausland abgehauen, die anderen sind pleitegegangen. Und die dritten, oder genauer gesagt deren Gebeine, ruhen auf Friedhöfen (zumal auch auf sehr prominenten). Der Rest hat sich irgendwo unbemerkt zur Ruhe gesetzt, an ihrer Stelle agieren heute neue Helden.

Im Fachjargon darf man wohl sagen, die primäre Kapitalanhäufung in Russland ist so gut wie abgeschlossen. Unabgesehen davon, wie die neuen Reichen zu ihrem Reichtum gelangt sind, grübeln die meisten darüber nach, wie sie ihr Kapital anlegen könnten.

Mein Bekannter, ein erfolgreicher Manager, erzählte mir vor Kurzem eine unterhaltsame Story: Jahrelang wurde er von neuen Russen brutal erpresst und musste Schutzgelder zahlen. Die örtliche Miliz und der Sicherheitsdienst waren machtlos, den Kriminellen konnte man einfach nicht auf die Spur kommen. Plötzlich erschienen sie am helllichten Tage in seinem Büro mit einem überraschenden Angebot: Komm, lass uns ein gemeinsames Geschäft aufbauen! Geld haben wir bis zum Abwinken, und du bist der beste Manager im Umkreis von 500 Kilometern. Er hat zugesagt, was blieb ihm anderes übrig? Zurzeit managt mein Bekannter ein riesiges Unternehmen, dessen Hauptaktionäre einst auf seine Kosten reich geworden sind.

Dies ist auch eine neue und für uns unbekannte Tendenz: Kriminelle treiben keine Schutzgelder ein und erpressen nicht mehr. Sie beteiligen sich mit geraubtem Kapital an Großgeschäften. Sie streben sozusagen nach Legalität.

Während die kriminell getünchten „neuen Russen“ stets im Mittelpunkt der sozialen Aufregung standen, blieb eine andere gesellschaftliche Schicht irgendwie unbemerkt. Das waren Menschen eines völlig anderen Typs, Träger einer völlig anderen Mentalität. Bescheiden, fleißig wie Bienen und voll neuer Ideen. Einst befehligten sie Betriebsbelegschaften, waren als Dozenten an Hochschulen beschäftigt oder leisteten ihren Vertragsdienst als Offiziere der Sowjetarmee. Mit einem Wort – sie waren auch zu Sowjetzeiten erfolgreich, weil sie eben der Motor unserer Gesellschaft waren.

Gesellschaftliche ErneuerungUnter neuen Wirtschaftsbedingungen haben diese Leute ebenfalls rasch zu ihrer Hauptaufgabe gefunden.

Ich habe ein paar Bekannte, die dieser sozialen Gruppe entstammen. Einer war viele Jahre Flugzeugbauingenieur, der andere lange Zeit als Physiker beschäftigt, der dritte war Zeitungsreporter.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging für viele alles den Bach runter, nur die Hartnäckigen und Fleißigen rappelten sich wieder auf die Beine. Ohne kriminelle Geschäfte, ohne Diebstahl und Betrug bauten sie ihre eigenen Geschäfte auf, stellten Fachleute ein und schufen nicht nur für sich selber, sondern auch für ihre Mitmenschen eine stabile soziale Basis. Heute sind sie selbst nach strengen russischen Kriterien ziemlich erfolgreich.

Wie soll man diesen Menschentyp bezeichnen? Mit den tätowierten Banditen in gepanzerten Luxuslimousinen kann und darf man sie nicht vergleichen. Einige gebrauchen auch für diesen Menschentyp das banale „neue Russen“, aber dabei meint man wohl eher Leute, die reich sind, ihren Reichtum aber nicht zur Schau stellen. Man sieht es ihnen an: Sie ackern 24 Stunden am Tag, sie fahren einen bescheidenen Lada und stecken jeden verdienten Rubel in den Produktionsausbau. Selbstverständlich haben sie keine Milliarden auf dem Konto, das würde nicht zu ihrem Credo passen. Keiner von ihnen würde auch einen Chelsea kaufen, das bezeichnen sie als moralische Dekadenz.

Doch jeder hat just so viel, was ein Geschäftsmann ihres Ranges statutarisch besitzen muss, wobei sie für ihren privaten alltäglichen Bedarf nur einen winzigen Bruchteil ihres Einkommens nutzen.

Ich meine, es wäre richtig, wenn man diese Schicht russischer Geschäftsleute als „alte neue Russen“ bezeichnen würde.

Wie auch unter sozialistischen Planwirtschaftsbedingungen bilden sie heute das Rückgrat der Gesellschaft, sie tragen wie früher die Hauptlast der Produktionserneuerung und -entwicklung. Fragt man sie nach ihren Erfolgen, so antworten sie bescheiden: Es geht. Ihre Namen stehen nie in den Schlagzeilen. Sollte ihnen irgendetwas zustoßen, so wird sich die Weltöffentlichkeit ganz bestimmt bescheiden in Schweigen hüllen. Auch unser liebes Vaterland wird nie Bäume für sie rausreißen – warum auch? Sind sie doch schlicht Rückgrat. Doch ausgerechnet ihnen ist es zu verdanken, dass die russische Marktwirtschaft heute langsam aber sicher aus ihrer Stagnation kommt.

Es ist erfreulich, dass man im russischen Arbeitermilieu solche Leute zu schätzen weiß. Schließlich schaffen sie immer neue Arbeitsplätze, allein dafür gebührt ihnen Dank.

Ein Geschäft aufzubauen ist äußerst schwierig, bei uns dreimal so kompliziert. Etwa sieben bis zehn Prozent der Weltbevölkerung betreiben ihre eigenen Geschäfte, in unserem neuen reformgeplagten Russland sind es fünf. Unsere Geschäftsleute mussten ihre Unternehmen von Grund auf selber aufbauen und alles am eigenen Leib erleben, denn man hatte überhaupt keine Erfahrungen und Vorkenntnisse. Aber wer es als Bahnbrecher geschafft hat, ist heute in gewissem Sinne ein ökonomischer Feldherr.

Alte “neue Russen” (II)

Gesellschaftliche ReformenImmer öfter macht die orthodoxe Kirche auf den Beitrag aufmerksam, den Unternehmer dieses Schlags zu unserem gemeinsamen Wohl leisten.

Nicht von ungefähr strömen arbeitswillige und ideenreiche Russen zu Unternehmern dieses Typs. In Zentralrussland hat sich beispielsweise Nikolai Suchostchew als Agrargroßunternehmer einen sehr guten Namen gemacht. Angefangen hatte er in den turbulenten Neunzigern, als alles am Boden lag. Er holte sich von Banken Kredite, kaufte Maschinen und ackerte, ackerte und ackerte. Zurzeit managt er den größten Agrarkonzern, zu ihm kommen Umsiedler aus Nord- und Südrussland.

Unternehmer wie Nikolai Suchostchew gibt es in jeder Region. Würde man ihnen keine Steine in den Weg legen, könnten sie ganz bestimmt den Umbruch schaffen. Freilich trachten sie auch nach effizienten und aktuellen Gesetzen, um sich vor allem gegen die Bürokratie und Willkür der Beamten zu schützen.

In unserem Geschichtslehrbuch für die sechste Schulklasse gibt es im Kapitel „Französische Geschichte“ ein Comic: Ein französischer Bauer schleppt auf seinem Rücken ein paar Adelige, Staatsdiener und Kirchendiener. So war es vor 200 Jahren in Frankreich.

In unserer russischen Wirklichkeit sieht es leider heute noch so aus. Ein russischer Bauer wird bis aufs Letzte von Finanzbehörden ausgenommen, darüber hinaus muss er die regionale Bürokratie versorgen, Abgaben an staatliche Institute zahlen, Wohltätigkeitsverbände und öffentliche Einrichtungen unterstützen und, und, und.

Das Geschäft, oder wie der Russe heute sagt: Business, hat in der ganzen Welt bestimmte einheitliche Normen. In Russland sind diese Normen mit typisch russischen Merkmalen ausgestattet. So sind viele unserer Unternehmer der Meinung, dass Geld im Geschäft nicht unbedingt eine Hauptrolle spielt. Daher gibt es eine breite Schicht russischer Unternehmer, die in ihrem Geschäft bis zu einem gewissen Niveau aufsteigen und dann nicht mehr weitermachen. Wozu auch? Ihr Business läuft ja stabil und wirft stabile Einnahmen ab.

Im Ausland sieht es jedoch fast immer anders aus. Gute Zwischenbilanzen sind nicht mehr als neue Stufen auf der steilen Treppe des geschäftlichen Wachstums. Können wir diese Einstellung nicht übernehmen?

Begrüßenswert sind aber die Hauptprinzipien, die in der russischen Geschäftswelt immer weiter um sich greifen.

Zum Beispiel: Der russische Unternehmer ist nicht so sehr auf Geldmacherei ausgerichtet. Dafür sucht er andauernd nach neuen, frischen Ideen, die neue Lösungen bringen könnten.

In der russischen Geschäftswelt sind Fachleute ein entscheidender Faktor. Man muss staunen, mit welcher Sorgfalt und wie pingelig in großen russischen Firmen bei der Kaderauswahl vorgegangen wird.

Ein weiteres wichtiges Merkmal unserer Geschäftswelt ist, dass wir es gelernt haben zu teilen. Russische Geschäftsleute sehen ein: Wenn jemand unter Hunderttausenden bedürftiger Leute erfolgreich und reich ist und von seinem Reichtum nichts abgibt, währt sein Erfolg nicht so lange. Man teilt, und man tut es viel offener und großzügiger als sonst wo.

Die Russische Frage - PolitikAndererseits hat jedes Geschäft seine Regeln. In ihrer Gesamtheit zielen sie alle auf das eine: Disziplin und Produktion. In gewisser Hinsicht rücken sogar manche moralischen Grundsätze in den Hintergrund. Eine solide Firma ist keine Auffangstelle und auch kein Sozialamt, sich outen, beichten und um Mitgefühl flennen bringt hier nichts. Da geht es nicht um Unterstützung breiter Bevölkerungsmassen, sondern um harte Arbeit und ums nackte Überleben.

Sensible, übertrieben mitfühlende und verträumte Individuen sind in der Geschäftswelt falsch. Business ist ein harter Kampf, wo der Leiter immer mit seinem Team rechnen kann. Und wenn er mal ein Auge bei einem scheinbar kleinen Diebstahl zudrückt oder Verständnis für familiäre Probleme eines Mitarbeiters haben will, der täglich zu spät zur Arbeit erscheint,
so ist er der nächsten Pleite schon so gut wie ausgeliefert.

Ein anderes Manko des „Russian business“ ist, dass wir uns nicht an eigene Gesetze halten. Gott sei Dank, die Geschäfte in Russland laufen auf legaler Bahn, Kriminalität ist Vergangenheit. Aber besonders jetzt ist es wichtig, die geltenden Gesetze einzuhalten, Steuern zu zahlen und amtliche Forderungen zu befolgen.

Und noch eine Besonderheit unserer russischen Geschäftswelt: Wir streben keine Konkurrenz an. Frische, neue Ideen sind lobenswert, doch werden diese auch voll genutzt? Wir Russen könnten der westlichen Geschäftswelt in vielen Aspekten die Stirn bieten, doch wir tun es nicht. Aus Dummheit? Nein, glaube ich nicht. Eher aus Trägheit. Es ist halt unsere Mentalität.Die Russische Frage

Klar, wir sind neu auf dem Markt, wir erforschen ihn erst seit zwanzig Jahren. Die sozialistische Planwirtschaft war ein Joch, das uns alle Kraft genommen hat. Doch heute führen wir erfolgreich europäische und Weltstandards ein und verhandeln auf Augenhöhe mit Marktspitzenreitern. Das besagt doch schon etwas!

Aber der Weg bis zur Vollkommenheit ist unendlich lang und die russische Geschäftswelt steht erst am Anfang. Unsere Analytiker arbeiten emsig daran, Formeln und Methoden herauszufinden, wie man das Versäumte rascher einholen und auf die zivilisierte Ebene der Weltmarktführung gelangen kann. Die einfachsten Tipps, die sie uns heute geben, sind nicht unbedingt eine Offenbarung – wir müssen unsere Trägheit abschütteln, offen vorgehen, stets neue Ziele anvisieren, nicht in Selbstgefälligkeit schmoren. Scheint ja nicht so schwer zu sein, oder?

Und was noch wichtig wäre: Wir müssen endlich einig werden und mit dem Einteilen in „neue“ und „alte“, in „linke“ und „rechte“ Russen aufhören, wir müssen unsere innere Zerstrittenheit überwinden und zusammenhalten, zusammenleben, zusammenarbeiten. Nur so kann man die dekadente Kluft, die schon Dutzende hoch entwickelte zivilisierte Gesellschaften ruiniert hat, überwinden. Die Differenz zwischen bettelarm und superreich soll verschwinden.