Politische Verortung in Russland

05/11/2012

Wenn die Medien hierzulande über Russland schreiben, liegt der Fokus meist aus guten Gründen auf den politischen Ereignissen in Moskau. Dies konnte man gut bei der aktuellen Berichterstattung zu den Wahlen im März 2012 beobachten. Reicht es wirklich aus, lediglich die Vorgänge im Kreml in den Blick zu nehmen, um zu verstehen, was die Menschen in Russland bewegt, welche Wünsche sie hegen, welche Hoffnungen?

Poltische VerortungDie Provinz schläft nicht, wie der Medienmacher, Journalist und Autor Alexander Lapin beweist. Er bewährt sich seit über zehn Jahren in der Fast-Millionenenstadt Woronesch auf politischem Terrain, 490 km von Moskau entfernt. Als Auslöser für sein politisches Engagement nennt er seine „bürgerliche Unzufriedenheit“. Mit Nachdruck grenzt er sich zum Beispiel von Michail Prochorov ab, den er zur Riege der hyperaktiven Oppositionellen zählt, die schnell wieder in der Versenkung verschwinden, sobald sie ihren großen Auftritt gehabt haben.
Für Lapin ist Beständigkeit gerade in den Zeiten des Umbruchs eine der wichtigsten politischen Tugenden, schließlich „geht es nicht darum, nur zu reden, sondern um konkrete Ziele, die nur mit einem langen Atem erreicht werden können.“
Als Abgeordneter und Mitglied des Gebietsrates Woronesch sowie Vorsitzender des Regionalkomitees für Öffentlichkeitsarbeit und Medien macht er sich für eine moderne russische nationale Demokratie stark. Dabei unterstreicht er, dass Russland seine eigene spezifische Demokratie brauche und auf keinen Fall einen Abguss westlicher demokratischer Formen.
Er kritisiert mit aller Schärfe, dass im Kreml nicht auf die Stimmen der Unzufriedenen gehört werde. Viel mehr würden sich die Politiker abgrenzen und hätten schon längst den Kontakt zum Volk verloren, der so bitter nötige Dialog finde nach wie vor nicht statt – eine typische russische Krankheit, wie Lapin meint. Die traurige Realität beschreibt er so: „Wer laut ist und nicht katzbuckelt, der gilt sofort als Regimegegner, als Oppositioneller. Und mit Oppositionellen ‚weiß’ man hierzulande umzugehen. Die ‚passen‘ nicht in die Gesellschaft und der Staatsapparat hat genug Mittel und Erfahrung, um sie kaltzustellen.“ Ein bekanntes Beispiel für diese Handhabe ist der Fall des von Lapin geschätzten Oppositionspolitikers Michail Kasjanov. Er war vier Jahre lang Putins Premier, bevor ihn dieser 2004 entließ – Kasjanov hatte sich kritisch zum Vorgehen gegen den Unternehmer Michail Chodorkowksi geäußert.
Dabei ist die Forderung „Putin soll gehen!“ für Lapin keine sinnvolle Option. Vielmehr gehe es um einen radikalen politischen Kurswechsel, der auch mit Putin möglich sein solle. Putins wahre Aufgabe sei, sich um die Belange der Bevölkerung zu kümmern, nicht um das Erhalten von Privilegien für hochrangige Politiker, für Staatsbeamte und für die Vervollkommnung staatlicher drakonischer Maßnahmen, die allesamt dem Wohle des Staatsapparates dienen, so Lapin.

Mit seinem nun erstmals in deutscher Sprache vorliegendem Werk „Die russische Antwort“
bietet Alexander Lapin praktikable Lösungsansätze und Konzepte, wie der russische Gemeinsinn gestärkt und Korruption, Fremdenfeindlichkeit und andere Missstände erfolgreich bekämpft werden können. Den orthodoxen Glauben hält er dabei für eine existentielle Stütze. Besonders intensiv setzt er sich mit der Präsidentschaft von Wladimir Putin auseinander.

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