„Wie eine gelbe Karte auf dem politischen Spielfeld“

14/12/2011

Alexander Lapin im Gespräch mit dem Journalist Paval Gorochov über den Kreml, die Wahlen und die aktuelle Lage der Russen. Das Interview erschien, in ungekürzter Fassung, in der Zeitung Komsomolskaja Prawda.

Pavel GOROCHOV: Herr Lapin, Russland hat gewählt. Als Journalist haben Sie sich an diesem Ereignis aktiv beteiligen können. Mit Ihrem Namen waren Wochen zuvor und in letzten Tagen Dutzende Artikel und Kommentare signiert, Sie haben interviewt, analysiert und Kritik ausgeübt. Wie ergeht es Ihnen heute, wo Sie schon etwas Abstand von den Ereignissen haben nehmen können?

Es ist kein Geheimnis – dieses Jahr verlief in Russland unter dem Zeichen der Vorbereitung auf Duma-Wahlen. Ich tat, was ich für richtig hielt und was ich konnte. Und da muss ich gleich sagen – ich war und bin nicht unter denen, die da stehen und „in lang anhaltenden Ovationen“ den Kurs der Regierung billigen. (…)

In der letzten Zeit musste ich mich immer wieder bei dem Gedanken ertappen: Was passiert da? Das alles gab es doch schon einmal! Wie sagt man so schön dazu? Déjà-vu? Was tun die Kreml-Bosse? Werbung wie es weiter nicht mehr geht, massives Einreden auf den Wähler, Stimmenfang, der manchmal an Erpressung grenzte, Parteitage mit gestellten Delegierten.

Pavel GOROCHOV: Russisches Fernsehen zeigt Demos in Moskau. Darüber schreiben Sie auch in Ihren Zeitungen…

Für mich sind das ganz klare Zeichen: Russland erwacht aus seinem jahrzehntelangen Schlaf! Die Staatspolitik, wie sie vom Kreml heute betrieben wird, ist längst überholt, das hatten wir alles schon einmal erlebt und das passt nicht mehr in unsere Vorstellungen von einem modernen demokratischen Staat. Und was daran besonders erfreulich ist – immer mehr Russen greifen zu ihren Bürgerrechten, weil sie über ihr Schicksal selbst entscheiden wollen, nicht so, wie zu Zeiten der KPdSU. Das Alte wehrt sich, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange.

Pavel GOROCHOV: Um noch einmal auf Politprognosen und auf Wahlergebnisse zurückzukommen: was haben Sie sich als Bürger Russlands, als Journalist und Politiker von den Wahlen erhofft?

Vor den Wahlen hatte ich viele offene Fragen, heute habe ich eine klare Antwort zu jeder einzelnen. (…) Draußen brodelt und kocht es. Was wir heute in Russland erleben, gleicht einem Gewitter in der Wüste. Erst vor wenigen Wochen wollten es unsere politischen Meteorologen besser gewusst haben, sie prophezeiten der Partei des Kreml den gleichen Erfolg wie vor vier Jahren. Damals stimmten über 40 Millionen für „Einiges Russland“, heute sind es weit über 12 Millionen weniger. Ist es nicht eine Art gelbe Karte auf dem politischen Spielfeld?

Pavel GOROCHOV: Was stimmt nicht in unserem politischen Garten? Wo liegt der Stein des Anstoßes?

Wie jeder normal denkende und empfindende Mensch sehe und fühle auch ich jeden Tag: wir driften dahin, wo wir nicht hingehören! In meinem Buch „Die Russische Frage“ habe ich zahlreiche Beispiele dieser ungeschickten Staatspolitik aufgelistet. Oben, im Kreml, heißt es – Russland gehe es viel besser als zuvor, das Land gewinne an Kraft. Ja stimmt denn das überhaupt?

Es bringt mir doch nichts, wenn ich hundertmal „süß“ sage, davon wird’s mir im Munde nicht süßer. Ich frage mich selber: Verstehen denn die Bosse im Kreml nicht, was für ein gefährliches Spiel sie da treiben? Sie proklamieren, alles für das Volk zu tun, aber in Wirklichkeit kommt es ja ganz anders!

Was empfindet man, wenn lautstark eine Sache versprochen, und hinter dem Rücken aber was ganz anderes getan wird? Richtig! Man empfindet Enttäuschung, kurze Zeit später wird daraus Ärger, und nach einer Weile – Wut.

Pavel GOROCHOV: Haben Sie damit die „gelbe Karte“ gemeint?

Eben. Ich hoffe, unsere Staatspolitiker bringen es doch nicht so weit, obwohl sie schon fast alle Chancen verspielt haben. Das Vertrauen schwindet – in offiziellen Zahlen ausgedrückt sind es, wie schon gesagt, 12 Millionen Wähler. Wie viele sind es aber „inoffiziell“?

Wie auch alle Mitbeteiligten war ich erschrocken, als ich gemerkt habe, dass der Kreml erneut Kurs auf UdSSR-Formate einlegt. Was das zu bedeuten hat, weiß jeder, der sich mit unserer Staatsgeschichte schon einmal auseinandersetzten musste. Mich freut es aber, dass das Volk diese Bemühungen des Apparates nicht so einfach hinnimmt – es gibt keinen Rückweg! Da bin ich mir sicher.

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